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Interview

Interview mit Andreas Tressin
Die Stimmung in Leverkusener Unternehmen „bleibt tief im Keller“

3 min
Andreas Tressin, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Rhein-Wupper

Andreas Tressin, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Rhein-Wupper, Arbeitgeberverband Werkstättenstraße. Foto: Ralf Krieger

Der Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Rhein-Wupper zu Konjunktur, Kosten, KI und Erwartungen an den neuen Oberbürgermeister.

Herr Tressin, Ihr Kollege Dirk Wasmuth von Kölnmetall hat schlechte Nachrichten: Zwei Drittel der Unternehmen in der Branche sind unzufrieden. Ist die Stimmung bei den Unternehmen des Arbeitgeberverbands Rhein-Wupper besser?

Andreas Tressin: Leider nein, die Stimmung in den Unternehmen bleibt vielmehr nach dem langjährigen Tiefpunkt vor Jahresfrist auch zum Jahreswechsel tief im Keller. Die Entwicklung sämtlicher Konjunkturindikatoren macht deutlich, dass wir nach wie vor in der längsten Wirtschafts- und Industriekrise seit Gründung der Bundesrepublik stecken.

In der Nachbarschaft wird vor allem die schleppende Nachfrage beklagt. Noch nicht einmal das Ausland rette die Lage, heißt es. Ein Alarmsignal?

Tressin: Ein Alarmsignal, vor allem deshalb, weil die aktuellen Zahlen deutlich machen, dass wir in einer tiefgreifenden strukturellen Krise stecken. Andere Industriestandorte haben sich nämlich in unseren Kernbereichen (Autos, Maschinen, Elektrotechnik, Chemie und so weiter) rasant auf der Wertschöpfungsleiter nach oben gearbeitet – mit mittlerweile mindestens ebenso guter Qualität, aber zu erheblich niedrigeren Preisen. 

Ein Unternehmer, der in leere Auftragsbücher blickt, wird auch kaum investieren, oder?

Tressin: Leere Auftragsbücher und mangelnde Auslastung fressen vor allem zunächst einmal die Eigenkapital- bzw. Liquiditätsreserven auf – Geld, was dann für die Umsetzung der Transformationsprozesse für neue Geschäftsmodelle fehlt.

Der Markt sortiert zunehmend Risiken aus
Andreas Tressin, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Rhein-Wupper

Die erschwerende Folge ist darüber hinaus, dass sich ein immer restriktiver werdendes Kreditrating der Banken für viele Unternehmen erheblich verschlechtert: Kredite werden also teurer und manche Unternehmer bekommen überhaupt kein Darlehen mehr, der Markt sortiert also zunehmend Risiken aus.

Arbeitsmarktforscher sprechen inzwischen von einer Erneuerungskrise, vor allem in der Industrie. Können Sie das bestätigen?

Tressin: Aus meiner Sicht stecken wir weniger in einer Erneuerungskrise, sondern vielmehr in einer tiefen Kosten-Wettbewerbskrise, die durch massive geopolitische Unsicherheiten noch verstärkt wird. Konkret: Unser Standort ist ganz einfach in den gesamten Kostenstrukturen zu teuer.

Gleichzeitig muss aber doch gerade die Industrie sich in vielen Bereichen neu erfinden. Stichwort Energie, Stichwort Künstliche Intelligenz.

Tressin: Das ist grundsätzlich richtig, aber jedes neue Geschäftsmodell muss sich in der gesamten Wertschöpfungskette am internationalen Markt in den Kostenstrukturen auch rechnen, also rentabel sein und Gewinne erzielen.

Nochmal zur KI: Vor kurzem wurde sie noch als wichtiges Mittel angesehen, Kompetenzen in den Unternehmen zu halten, wenn viele Menschen in Rente gehen. Hat sich an dieser Einschätzung etwas geändert?

Tressin: Aus meiner Sicht hat KI in der Dynamik noch einmal ganz neue Dimensionen erreicht. Die entscheidende Frage ist nämlich nicht mehr, ob wir KI einsetzen, sondern wie wir KI im Unternehmen organisieren.

Künstliche Intelligenz verändert mittlerweile alle Unternehmensbereiche
Andreas Tressin

Künstliche Intelligenz verändert nämlich mittlerweile alle Unternehmensbereiche: ob Produktion und Instandhaltung, Logistik, Personalmanagement oder das Marketing von Kundenservice – KI ist also längst Realität. Die Vielfalt der Einsatzfelder zeigt: Wir erleben nicht nur einen technologischen, sondern auch einen organisatorischen und kulturellen Wandel.

Sie sagten zum Jahreswechsel, die Euphorie und die Hoffnung auf Reformen der Bundesregierung hätten aus der Sicht der Unternehmen einen deutlichen Dämpfer erfahren. Viele seien sogar desillusioniert. Wie soll es denn jetzt aus der Sicht der Unternehmer weitergehen?

Tressin: Die Unternehmen brauchen unverzüglich vor allem Verlässlichkeit, Planungssicherheit und Vertrauen. Denn die Situation ist wie geschildert dramatisch, und zwar branchenübergreifend. Wir stehen schon länger an einem Punkt, an dem Zögern keine Option mehr ist. Es reicht nicht mehr, Konzepte zu formulieren – es geht um Haltung, um Tatkraft und vor allem um Umsetzung. Vor diesem Hintergrund muss ich ausdrücklich vor der Illusion warnen, die bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung würden ausreichen, um die Wettbewerbsposition des Standortes Deutschlands grundlegend zu verbessern. Nach wie vor ist nämlich der schwere Rucksack für die Betriebe mit immer noch zu hohen Energiekosten, international nicht konkurrenzfähigen Arbeitskosten und Steuer- und Bürokratielasten, kurzen Arbeitszeiten und langwierigen Planungs- und Genehmigungsverfahren prall gefüllt. Kanzler Merz hat dies offensichtlich ebenso erkannt und schwört auf Reformen ein. Für die Bundesregierung gilt es, nun endlich 2026 den entsprechenden Beweis durch eine konsequente Umsetzung der Reformen anzutreten.

Und was erwartet die Unternehmerschaft vom neuen Oberbürgermeister?

Tressin: Auch hier entscheiden und vor allem machen, im Sinne einer angebotsorientierten Standortpolitik. Leitsatz: Wirtschaft first, denn Wirtschaft ist nicht alles, aber ohne Wirtschaft ist alles andere nichts.