Der deutlichste Einschnitt fĂŒrs Krankenhaus Schleiden kommt zum 1. September: Dann gibt es dort keine Notfallversorgung mehr.
Aus fĂŒr Notaufnahme und StationenSchlieĂungen im Schleidener Krankenhaus beginnen im Juli

Harte Einschnitte kommen auf das Krankenhaus Schleiden zu, der deutlichste ist die SchlieĂung der Notaufnahme im September. ââÂ
Copyright: Stephan Everling
Dass sie kommen werden, die bitteren Pillen fĂŒr die Menschen im SĂŒdkreis, steht seit Monaten fest. Doch sie werden nun frĂŒher verabreicht als angenommen: Am 1. Juli wird die Geriatrie in Schleiden geschlossen, am 15. Juli werden die zwei verbliebenen Stationen zu einer zusammengelegt, am 1. September schlieĂen Unfallchirurgie, Innere â und vor allem das, was richtig wehtut: die Notaufnahme.
Die tiefgreifenden VerĂ€nderungen fĂŒr den Schleidener Standort der Kreiskrankenhaus Mechernich GmbH hatte GeschĂ€ftsfĂŒhrer Martin Milde bereits Anfang des Jahres angekĂŒndigt und den 1. Januar 2025 als Termin fĂŒr die Umsetzung genannt. Doch schon im Januar sagte Milde auch, dass die MaĂnahmen in der zweiten JahreshĂ€lfte vorbereitet und angegangen werden. Nun wird gehandelt, auch wenn die Planungen fĂŒr das Pilotprojekt zur Zukunft des Schleidener Hauses noch nicht final abgesegnet sind. Die Termine dazu bei Bezirksregierung und Gesundheitsministerium stehen in den kommenden Wochen an.
Das System Krankenhaus ist mit Ansage gegen die Wand gefahren worden.
Ein VergnĂŒgen ist das VerkĂŒnden derartiger MaĂnahmen fĂŒr Milde wahrlich nicht. Sie resultieren aus einer unheiligen Allianz von sich kontinuierlich verschlechternden finanziellen Rahmenbedingungen und FachkrĂ€ftemangel. Um rund 700.000 Euro ist der Umsatz laut Milde am Standort Schleiden im Vergleich zum âschon schwachenâ gleichen Zeitraum 2023 gefallen. Irgendwann sei dies alles nicht mehr zu kompensieren, betont Milde mehrfach. Und dieses irgendwann ist im Fall Schleidens jetzt, im Sommer 2024. âDas System Krankenhaus ist mit Ansage gegen die Wand gefahren wordenâ, sagt Milde immer wieder.
Die Geriatrie wird im Juli nach Mechernich verlegt
Knackpunkt: das Personal. Chefarzt Dr. Michael Gehlen geht Ende des Jahres in den Ruhestand. Dann wĂ€re in Schleiden nur eine OberĂ€rztin in der Geriatrie. âWir brauchen aber zwei FachĂ€rzte, um die Leistungen erbringen zu dĂŒrfenâ, sagt Milde. Und die seien eben fĂŒr Schleiden nicht zu bekommen.
15 Betten fĂŒr die Geriatrie gibt es in Schleiden, 44 in Mechernich. Dort beginnt nun das âBettenrĂŒckenâ, um die Patienten aufnehmen zu können. Die seit Corona nicht mehr belegte Station Innere 4 mit 22 Betten ist laut Milde in den vergangenen Wochen wieder betriebsbereit gemacht worden. Dort wird die Urologie einziehen. Die dann frei werdende Station wird ebenfalls ertĂŒchtigt und bietet dann â laut Milde ab etwa Anfang August â Platz fĂŒr Patienten aus Schleiden.
Unfallchirurgie und Innere in Schleiden schlieĂen Ende August
Knackpunkt: das Personal. In beiden Disziplinen ist der Ă€rztliche Dienst laut Milde nicht mehr ausreichend besetzt. Innere-Chefarzt Dr. Gerald Vey ist da nur ein Beispiel. Eigentlich ist er lĂ€ngst in Rente, hat seinen Vertrag bereits mehrfach verlĂ€ngert. âWir haben auch mit einem Headhunter einen Nachfolger gesucht â aber keinen geeigneten gefundenâ, sagt Milde. âDann fallen die Dominosteineâ, drĂŒckt er den Effekt aus, den das Ausscheiden von Ărzten hat, die fĂŒr das Erbringen bestimmter Leistungen in einem Krankenhaus zwingend erforderlich sind.
Durch den Einsatz von Ărzten aus Mechernich und von HonorarkrĂ€ften werden die Stationen im Juli und August noch betrieben. âWir hĂ€tten die Innere vielleicht ein, zwei Monate lĂ€nger betreiben können. Aber das macht keinen Sinn. Daher der harte Schnitt zum 1. Septemberâ, sagt Milde.
FĂŒr die Notaufnahme kommt das Aus ebenfalls zum 1. September
Knackpunkt: das Personal. Hier ist es die Summe der Dominosteine, die fallen. Zur Notfallversorgung in einem Krankenhaus gehören neben Chirurgie und Innerer die Intensivstation und die Zentrale Notaufnahme. 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche muss dies alles betriebsbereit sein, inklusive des OP. Was wiederum viel Personal erfordert, im Àrztlichen wie im pflegerischen Bereich. Personal, das Schleiden schlicht nicht hat.
Solange wir es konnten, haben wir es fortgesetzt â aber jetzt können wir es nicht mehr.
Die SchlieĂung der Notaufnahme zum 1. September ist ein harter Schlag ins Kontor fĂŒrs Schleidener Tal. Ja, die schweren FĂ€lle wie Herzinfarkte, SchlaganfĂ€lle und Polytraumata werden seit Jahren schon auf direktem Weg zu spezialisierten HĂ€usern gebracht â nach Mechernich, nach Euskirchen, in die Unikliniken. Es geht vor Ort um die weniger dramatischen FĂ€lle. Es geht um 8000 Patienten im Jahr. So viele kamen 2023 in die Schleidener Notaufnahme. Mehr als die HĂ€lfte von ihnen hatte sich an Armen oder Beinen verletzt, war gestĂŒrzt, hatte einen Arbeitsunfall. Und rund 75 Prozent von ihnen konnten nach einer ambulanten Behandlung wieder nach Hause gehen.
Dies ist fĂŒr Milde ein weiterer Knackpunkt: âAuch wenn es hart klingt: Wir sind als Krankenhaus nicht fĂŒr die ambulante Versorgung zustĂ€ndig. Wir machen es seit Jahren, aber es ist nicht wirtschaftlich. Solange wir es konnten, haben wir es fortgesetzt â aber jetzt können wir es nicht mehr.â
Die Stationen in Schleiden werden zusammengelegt
Knackpunkt: das Personal. Aufgrund des Mangels an Pflegepersonal werden die erste und dritte Etage in Schleiden Mitte Juli zusammengelegt. In den 30 Betten der dritten Etage werden dann die Patienten aller Disziplinen versorgt â weil diese laut Milde in einem besseren Zustand und dort auch die Privatstation ist. In der zweiten Etage werden weiterhin die Patienten nach ambulanten Operationen behandelt.
In der Pflege wird keinem Mitarbeiter in Schleiden gekĂŒndigt
âIch kĂŒndige keinem. Das wĂ€re ja verrĂŒcktâ, sagt Milde mit Blick auf die Mitarbeiter in der Pflege â wenig verwunderlich angesichts des FachkrĂ€ftemangels. Am Mittwochnachmittag hat Milde die Crew in Schleiden ĂŒber den Zeitplan informiert.
Die Zukunft der PflegekrĂ€fte ist laut Milde geklĂ€rt. 60 Vollzeitstellen gibt es aktuell in Schleiden, die von 94 Mitarbeitern ausgefĂŒllt werden. 43 Stellen werden in Schleiden bleiben, 13 nach Mechernich verlagert, zwei zum Vivant-Pflegedienst. Die Mitarbeiter von zwei Vollzeitstellen haben sich laut Milde entschieden, den Konzern zu verlassen.
Die Patienten sind deutlich lÀnger nach Mechernich unterwegs
Das Gesundheitssystem ist komplex, fragil und hochgradig belastet. Wird an einer Stellschraube gedreht und wie in Schleiden eine Notaufnahme dichtgemacht, hat das Auswirkungen auf alle anderen Akteure.
Zuallererst auf die Patienten: Sie mĂŒssen nun deutlich lĂ€ngere Fahrtzeiten auf sich nehmen. In den RathĂ€usern in Schleiden und Hellenthal hat man die Rechnungen aufgemacht und ist zu dem Schluss gekommen, dass die im Krankenhausplan NRW vorgesehene Erreichbarkeit binnen 20 Minuten aus ganz vielen Orten auch bei bester Verkehrslage nicht machbar ist. Vorgesehen ist dies fĂŒr 90 Prozent der Bevölkerung â die Menschen im Schleidener Tal und den Höhenorten fallen dann durchs Raster.
Die SchlieĂung hat auch Auswirkungen auf den Rettungsdienst
Auf den Rettungsdienst, den der Kreis betreibt und der sich auf deutlich lĂ€ngere Fahrzeiten, dadurch lĂ€ngere Belegung der Rettungswagen und womöglich obendrauf mehr EinsĂ€tze einstellen muss. Hat das Kreiskrankenhaus das Problem zum Kreis-Rettungsdienst abgeschoben? Nun, begeistert sei man da nicht gewesen, sagt Milde: âAber die GesprĂ€che waren immer konstruktiv.â Man mĂŒsse das Thema insgesamt ins Auge fassen. VollumfĂ€nglich lösen werde man es wohl nicht können. Der FachkrĂ€ftemangel macht schlieĂlich vor keinem halt.
Und dann ist da die Notaufnahme in Mechernich. Mehr als 32.000 Patienten hat das Team um Chefarzt Dr. Marcus MĂŒnch dort 2023 behandelt â auf Arbeit wartet man dort wahrlich nicht. Ein groĂer Teil der 8000 Schleidener Patienten wird kĂŒnftig dazukommen. âWir werden das Personal aufstockenâ, kĂŒndigt Milde an â und bezeichnet den Standort Mechernich als attraktiv, etwa durch die Ausstattung.
Auch eine rĂ€umliche Erweiterung werde geprĂŒft. SchlieĂlich habe Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann im Krankenhausplan 2,5 Milliarden an Fördermitteln vorgesehen. Von diesem Kuchen möchte man ein StĂŒck abbekommen, fĂŒr die Notaufnahme in Mechernich, aber gerne auch fĂŒr die Renovierung des OP-Bereichs in Schleiden.
Gibt es noch einen Funken Hoffnung fĂŒr eine Notfallversorgung?
Schluss. Aus. Vorbei. Haben die BemĂŒhungen um die Notfallversorgung im Schleidener Tal keinen Effekt? Verpuffen die Resolutionen, die die Politiker in Schleiden und Hellenthal verabschiedet haben, einfach so? Gibt es vielleicht doch eine Option, eine (ambulante) Versorgung von NotfĂ€llen einzurichten, die nicht den komplexen Apparat der klinischen Notfallversorgung erfordert?
Man will sich zumindest noch einmal zusammensetzen. Nach den Sommerferien, so Milde, soll es einen Termin geben mit Kreiskrankenhaus, Marien-Hospital Euskirchen, Rettungsdienst und KassenĂ€rztlicher Vereinigung, in dem es um die Notfallversorgung im gesamten Kreis geht. Doch viel Hoffnung macht Milde nicht: âIch glaube nicht, dass das gehen wird. Ich wĂŒsste nicht, wie man es personell besetzen sollte â Stichwort FachkrĂ€ftemangel.â Er redet da nicht um den heiĂen Brei: âDie Versorgung im Kreis Euskirchen wird schlechter.â Und ergĂ€nzt: âAber nicht schlecht.â
Der Schleidener Weg
Tiefrote Zahlen fĂŒhren neben dem Personalmangel zu den drastischen Einschnitten. In Mechernich wurden im vergangenen Jahr 19.070 Patienten behandelt, in Schleiden 3392 â der deutlich kleinere Standort ist jedoch fĂŒr die HĂ€lfte des Defizits verantwortlich: Ein Minus von sieben Millionen Euro sind fĂŒr 2024 insgesamt geplant, der Schleidener Anteil liegt darin bei gut 3,6 Millionen.
Die SchlieĂung ist weder im Sinne von GeschĂ€ftsfĂŒhrer Martin Milde noch in dem der Gremien. Gesellschafterversammlung wie Verwaltungsrat haben klar fĂŒr Schleiden votiert â wenn auch VerĂ€nderungen angesichts der Lage unumgĂ€nglich sind. Ein âWeiter soâ war nĂ€mlich genauso schnell vom Tisch. Ein Pilotprojekt soll gestartet werden, der Schleidener Weg. Das finale GrĂŒne Licht aus Köln und DĂŒsseldorf fehlt zwar noch, das Konzept ist laut Milde aber maĂgeblich verhandelt und abgestimmt. Die Signale sind fĂŒr ihn deutlich: âSie wollen Schleiden nicht kaputtgehen lassen.â
StationĂ€r versorgt werden in Schleiden weiterhin Patienten aus Schmerztherapie, Hand- und FuĂchirurgie. Abteilungen, die sich ĂŒber die Region hinaus eines sehr guten Rufes erfreuen. Sprechstunden werden in den Bereichen Innere und Chirurgie angeboten, ambulante Operationen und Endoskopie sind vorgesehen, ebenso Radiologie und Dialyse. Der Notarzt-Standort bleibt.
Eine Hausarztpraxis wird im Februar 2025 ins Erdgeschoss des Schleidener Krankenhauses einziehen. Es ist fĂŒr Milde ein Schritt auf dem Weg zum âCampus HĂ€hnchenâ, wie er es bezeichnet. Dieses âZentrum fĂŒr Gesundheitâ könne Möglichkeiten zur Vernetzung sowie Nutzung von Infrastruktur und technischer Ausstattung bieten. Jedoch: Zu einer höheren Ărztedichte im Schleidener Tal kommt es zunĂ€chst nicht. Die Ansiedlung ist ein Umzug einer bestehenden Praxis.Â
