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StadtgeschichteWie in Opladen die FDP gegründet wurde

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Woolworth Opladen: An der Ecke Altstadtstraße / Düsseldorfer Straße stand das Hotel zur Post, in dem mit Erich Mende und Friedrich Middelhauve die FDP NRW gründeten.  Bild: Ralf Krieger

Am Platz des Woolworth Opladen stand das Hotel zur Post, in dem 1946 die FDP im Rheinland gegründet wurde.

Vor 80 Jahren, im ersten Winter nach dem Zweiten Weltkrieg, gründete sich in Opladen für die britische Zone die liberale Partei namens FDP.

Als vor genau 80 Jahren die spätere NRW-FDP in Opladen im Hotel zur Post gegründet wurde, war auch der ehemalige Wehrmachtsoffizier Erich Mende dabei,  der Vater des späteren Leverkusener Oberbürgermeisters Walter Mende. Erich Mende hat die Vorgänge rund um die Parteigründung in seiner Autobiografie „Die neue Freiheit“ beschrieben.

Im Frühjahr 1945 sei er beim Rückzug mit einem der letzten Schiffe von Ostpreußen nach Swinemünde gelangt, schreibt er. Seine Frau war in Bayern untergekommen.

Nach Kriegsende gerät Mende nach Köln-Sürth und bekommt als ehemaliger Major bei der neuen Verwaltung Steine in den Weg gelegt: „Ich war nicht nur ein Pimok aus Schlesien, sondern als Major a.D. nach damaligem Sprachgebrauch auch ein Militarist.“

Hotel zur Post Opladen

Hotel zur Post Opladen

Als man ihn zum Trümmerräumen abkommandieren wollte, habe er gesagt: „Ich will studieren, nicht schippen.“ An Lebensmittelkarten kam er deshalb nicht, und er schreibt: Die Überlebenden wurden erdrückt von Hoffnungslosigkeit und Sorgen.

Trotz seiner Wehrmachts-Vergangenheit ergatterte Mende einen Studienplatz in der juristischen Fakultät in Köln. In den Hörsälen im Unigebäude soll es keine Heizung gegeben haben, die Vorlesungen verfolgten die Studenten im Mantel und mit Handschuhen, um schreiben zu können.

Die früheren Wehrmachtsoffiziere bekamen keine öffentliche Arbeit, deshalb blitzte Mende beim NWDR, dem Vorgänger des WDR, ab, wo er sich als Rundfunksprecher beworben hatte. Dann aber halfen ihm seine Beziehungen aus dem Krieg: Ehemalige Wehrmachtsoffiziere hielten zusammen, wie Mende in seiner Autobiografie gelegentlich bemerkt. Der Opladener Oberkreisdirektor Ernst Dundaleck war ein Freund und Kriegskamerad. Ein Direktor der Farbenfabriken war Landrat. Der wiederum riet Mende, sich beim Opladener Buchhändler, Verleger und Drucker Friedrich Middelhauve zu bewerben.

Das funktionierte. Schon beim Vorstellungsgespräch im Dezember 1945 in Opladen machte Middelhauve Mende klar, dass er ihn zur Gründung einer liberalen Partei neben SPD und CDU dabei haben wollte. Mende wohnte da noch in Köln Sürth.

Erich Mende

Erich Mende vor dem Haus Gartenstraße 20 in Opladen, wo er 1946 seine erste Wohnung bezogen hatte. Er zog 1950 von Opladen weg.

Das Weihnachtsfest vor 80 Jahren war von Armut gekennzeichnet. Aber echte Not hatten die Hausgenossen um Mende in Köln-Sürth nicht. Er schreibt, er habe als Nichtraucher Zigaretten gegen fünf Zentner Zuckerrüben tauschen können, die er in einer Fabrik zu Rübenkraut einkochen ließ.

Am 7. und 8. Januar im eiskalten Winter 1946 kam es schließlich zu einem Treffen im Hotel zur Post in Opladen. Das stand an der Ecke Altstadtstraße/Düsseldorfer Straße, dort, wo sich heute der Woolworth ausbreitet. Unter anderem Middelhauve hatte das Treffen organisiert, Mende durfte teilnehmen.

Erich Mende (links) und sein Sohn Walter (Mitte)

Erich Mende (links) und sein Sohn Walter, der ehemalige Oberbürgermeister von Leverkusen.

Etwa 60 Personen, viele ältere Herren, aber auch grauhaarige Frauen, saßen im ersten Stock im Gasthaus in Opladen: Abgehärmte, schlanke Personen: ein Bauunternehmer, ein Bankdirektor und Professor Paul Luchtenberg aus Burscheid seien darunter gewesen, schreibt Mende. Es sei darum gegangen, der christlichen und fast klerikal orientierten CDU und der Arbeiterpartei SPD eine bürgerlich-liberale Gruppierung hinzuzufügen. Man gründete die Partei und einigte sich auf den Namen F.D.P., Freie Demokratische Partei. Andere Varianten verwarf man. Der Opladener Friedrich Middelhauve gehörte dem Zonenvorstand für die britische Zone an: Er wurde also nach heutigem Verständnis Landesvorsitzender.

Schon Tage später wurde Erich Mende zum Landessekretär der FDP Nordrheinprovinz gewählt, mit Monatsgehalt. Mit dem Studium sei das ein 16-Stunden-Tag gewesen, schreibt Mende. 1014 Kalorien täglich waren damals in der britischen Zone für einen Normalbürger wie Mende vorgesehen, ein Wert, bei dem man unweigerlich hungern muss.

Schon im März 1946 traf die FDP ein erster Skandal: Eines ihrer wichtigen Gründungsmitglieder hatte einen ehemaligen Mitarbeiter von Goebbels versteckt.

Die Sache der FDP nahm im Rheinland dennoch schnell Fahrt auf: 1948 vereinigten sich die Landesparteien zur heutigen Bundes-FDP.

Friedrich Middelhauve

Friedrich Middelhauve 1966

Mende zog in die Gartenstraße 20, das Haus mit einem runden Erker steht noch. Er arbeitete für Middelhauve, wo er noch als Student einmal eine Aktentasche Briketts für zu Hause mitgehen ließ. Zur Rede gestellt, bezog er sich auf den Kölner Kardinal Frings, der Kohlenklau legitimiert hatte.

Seine Frau in Bayern hatte er seit Oktober 1944 nicht mehr gesehen. Sie zog nach Opladen nach, aber man hatte sich auseinandergelebt, schreibt Mende. Ein Sohn ging aus der Beziehung hervor: Walter Mende, geboren, noch im Krieg in Schlesien am 14. Juli 1944, später machte der Sohn als SPD-Vorsitzender, Oberstadtdirektor und Oberbürgermeister in Leverkusen Karriere. Im Personenregister der Autobiografie seines Vaters Erich kommt er nicht vor.

Erich Mende war 1948 bis 1950 Mitglied des Stadtrates von Opladen. 1960 wurde er Bundesvorsitzender der FDP. Als Mitglied des rechten Flügels trat er 1970 zur CDU über.

Opladen verließ er schon 1950; ganz brach die Verbindung nicht ab, denn er kandidierte im hiesigen Wahlkreis für den Bundestag. Mende starb 1998 mit 81 Jahren.